Angesichts der aktuellen Erlebnisse, Nachrichten und Bilder, die einem zu Herzen gehen und auch das Herz brechen, ist es gerade alles andere als leicht, positiv zu bleiben. Aber gerade das Offensein für die kleinen, positiven Momente ist jetzt wichtig.

Viele Menschen sind gerade unermüdlich und bis zur Erschöpfung im Großen wie im Kleinen, in den Krankenhäusern, im öffentlichen Leben, in der Nachbarschaft und Zuhause im Einsatz. Jeder versucht, sein Bestes zu geben, um den Alltag irgendwie am Laufen zu halten.

Womit der Einzelne in dieser Krise an seine Grenzen kommt, ist sehr persönlich. Die einen beruhigt es, den ganzen Tag Nachrichten zu hören und alle alternativen Meinungen zu erfahren, vielleicht sogar inklusive Fake-News, bei anderen schürt das Zuviel an bedrohlichen Nachrichten depressive Verstimmungen und Ängste. Finden Sie Ihr persönliches Limit. Mit welchem Maß an News (auch aus dem social media-Freundeskreis) geht es Ihnen noch gut, wieviel zieht sie runter. Das kann zeitlich versetzt passieren, d. h. sie können ein Gespräch führen mit einer Freundin und merken, dass die Informationen aus diesem Telefonat dazu beigetragen haben, dass sie am nächsten Tag ängstlicher, trauriger oder unsicherer geworden sind.

Versuchen Sie in Ihrer Kraft zu bleiben oder das zu tun, was Ihnen Kraft gibt und den Dingen weniger Raum zu geben, die Ihre positive Grundstimmung untergraben. Natürlich, soweit sich dies realisieren lässt.

Für diejenigen, die jetzt mit der ganzen Familie zu Hause festsitzen und im Homeoffice arbeiten, können sture Alltagsroutine und eine klare Strukturierung des Tages, die einem sonst oft den letzten Nerv rauben, gerade jetzt wichtigen Halt geben. Auch wenn existenzielle, wirtschaftliche Fragen geklärt und bearbeitet werden müssen, kann eine Tagesplanung nützen: den Wecker um dieselbe Zeit klingeln lassen, das Büro-Outfit anziehen, sich – wenn beide Eltern Zuhause sind – abwechselnd an festen Zeiten an den Schreibtisch setzen und ab- oder wegarbeiten, was anliegt.

Wenn weniger abzuarbeiten ist, kann ein leerer Zettel dazu dienen, Vorhaben, Pläne, kreative berufliche Ansätze (das wollte ich immer schon einmal durchdenken, konzeptionell zu Papier bringen, planen) und auch Wünsche festzuhalten.

Denn: Es gibt ein Danach.

„Ich habe keine Zeit“ – Nichts wurde in den letzten Jahren mehr beklagt und bedauert als permanenter Zeitmangel und Stress. Man knappste sich Quality time ab, um wenigstens täglich eine intensive Stunde mit seinen Liebsten verbringen zu können, wenn überhaupt. Das, woran es den meisten Menschen mangelte, ist jetzt für viele da:

  • Mehr Zeit fürs Zuhören, für gute Gespräche, für Telefonate, Skypen, WhatsApp usw.
  • Vielleicht rufen Sie Menschen an, bei denen Sie sich schon seit Jahren wieder einmal melden wollten.
  • Schaffen Sie Zeit für sich selber. Ein Rückzugsraum darf auch jetzt eingefordert werden, eine Türe – wie z. B. die Schlafzimmer- oder Badezimmertüre – kann und darf auch jetzt geschlossen werden mit der Ansage, für eine gewisse Zeit nicht gestört werden zu wollen.
  • Versuchen Sie, die frei gewordene Zeit zu verwenden: für ein gutes Buch, für alle ausgeschnittenen und nie gelesenen Zeitungsartikel, für das Aufräumen der Schränke oder der Dokumentenordner im PC usw.
  • Nutzen Sie „freie“ Zeit für die Dinge, die Sie stabilisieren: eine kalte Dusche am Morgen; den Körper mit einer Bürste von unten nach oben abschrubben, um die Durchblutung zu fördern; Sport zu Hause oder im Freien, wenn es geht; Meditieren; Yoga; eine Affirmation; eine Tasse Tee zusammen mit einem positiven Gedanken etc.
  • Schreiben Sie abends auf, wofür Sie heute – trotzdem – dankbar sind; welche Momente haben Sie heute besonders berührt, was haben Sie beobachtet, welcher Gedanke kam Ihnen des Weges, was war schön.

Vor unserem Badezimmerfenster hat sich z. B. ein Taubenpaar ein Nest gebaut, nun brütet die Taubendame ihr Ei aus. Leben entsteht. Im Vorgarten blüht die riesige Magnolie, eine der ältesten des Stadtviertels. Jeden Tag bleiben Menschen vor diesem Baum stehen und fotografieren ihn. Immer wählen sie dieselbe Ecke für das perfekte Foto, darüber schmunzeln wir seit Jahren. Auch jetzt. Hier in Berlin sehen wir mehr Väter als je mit ihren Kindern Fahrradfahren oder spazieren gehen. Das ist schön. Ein Freund aus Lissabon erzählt, dass er seinen Kleiderschrank aufgeräumt und dabei seinen verloren geglaubten Lieblingspullover wiedergefunden hat. Es ist mehr da, als er dachte. Freunde in Madrid nehmen – da es keine Terrasse, Balkon oder Garten gibt – auf ihrem Fensterbrett Platz mit einem Cortado (ein Espresso mit aufgeschäumter und je nach Geschmack gesüßter Milch) und halten das Gesicht in die Sonne. Sie berichten, das tue ihnen gut. Eine Freundin in Rom hat den Urbi et Orbi-Segen des Papstes gerührt am Fernsehen verfolgt. Sie fühlt sich getröstet. Eine andere Freundin hat begonnen zu meditieren statt an ihrem nächsten Vortrag zu arbeiten. Sie sagt, sie kann der Stille etwas abgewinnen.

Auch wenn Sie solo sind und alleine leben, möchten wir dazu anregen, den Fokus auf diese Dinge zu lenken. Vielleicht ist Ihnen ein virtuelles Teilen in dieser Zeit über die Netzwerke, am Telefon, per Skype etc. möglich. Nichts kann eine Umarmung ersetzen, das ist klar, aber für den Alleinlebenden kann vielleicht eine lange heiße Dusche oder ein Vollbad zumindest äußere Wärme spenden. Der Lieblingsfilm, selbst wenn er zum zwanzigsten Mal geschaut wird, kann trösten. Das Stöbern in alten Fotos oder Briefen entführt in eine andere Welt, ebenso natürlich wie ein spannendes Buch. Vielleicht wollten Sie immer schon eine Sprache lernen oder auffrischen, Lern-Tools bietet das Internet. Wir möchten Ihnen ans Herz legen, sich an eine Selbsthilfe-Hotline zu wenden, wenn die Einsamkeit unerträglich wird. Für seine Sorgen und Ängste muss man sich nicht schämen. Allein, dass man mit einem Menschen über diese spricht, kann erleichtern. Es gibt viele Nummer, wie z. B. die der Telefonseelsorge, an die man sich mittlerweile auch per Mail wenden oder in einem Chatroom anschließen kann. https://www.telefonseelsorge.de

In unserem Buch Midlife Care widmen wir fast 70 Seiten der Selbstfürsorge und Achtsamkeit. Den Fokus auf das Kleine, Schöne, Positive lenken, das bei uns Zuhause und vor dem Fenster stattfindet oder auch in den Medien, gibt immer und gerade in diesen Zeiten unendlich viel Kraft. Positives Denken und Handeln stärkt nachweislich das Immunsystem. Wir sollten diesen Aspekt – auch wenn es aktuell alles andere als leicht ist – nicht unterschätzen.

Wir möchten Sie darum animieren:

  • Seien Sie großzügig und schenken Sie anderen ein Lächeln, auch wenn Ihnen zum Weinen zumute ist.
  • Stellen Sie Zuhause Regeln auf, das bringt Klarheit und Sicherheit für jeden Einzelnen und verhindert Streit um alltägliche Dinge.
  • Bitten Sie um Zeit für sich und gewähren Sie anderen Familienmitgliedern diese kleine Freiheit ebenfalls.
  • Legen Sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage, sprechen Sie mit Ihrem Partner und Ihren Kindern Gefühle offen an.
  • Kommunizieren Sie miteinander, gehen Sie aufeinander zu statt einander aus dem Weg.
  • Führen Sie kleine Rituale ein wie: Jeder überrascht die anderen an einem Tag der Woche mit einer netten Geste (einem lieben Satz auf einem Zettel/Brief, einem ans Bett gebrachten Kaffee, einer laut vorgelesenen Geschichte, die einem wichtig ist und die man mit dem oder den anderen teilen möchte)
  • …. und vieles mehr, was Ihnen jetzt einfällt.
  • Wir sind uns sicher, das ist eine ganze Menge.

2 Kommentare
  1. Manu
    Manu sagte:

    Wunderbar und sehr hilfreich. Genau das, was ich gebraucht habe. Liebevolle Worte, wissenschaftlich fundiert. Solche Ärzte wünsche ich mir. Ich freue mich sehr über diesen Blog, das Buch, die Website und ich freue mich auf den Podcast. Hier wurden bereits so viele Dinge aufgegriffen, mit denen ich mich schon lange herumquäle. Danke! Und bitte unbedingt weitermachen.

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