SEB: Ich bin in Norddeutschland an der Ostsee groß geworden und liebe Wasser. Das ständige Bedürfnis, jedes einladende Gewässer sofort auszuprobieren, scheint also genetisch bedingt zu sein. Meine Familie rollt bei Spaziergängen regelmäßig mit den Augen: Wo bleibt sie denn?

Ah – kurz ausgezogen und schon ist sie wieder drin. Der Bergsee in Italien, der eiskalte Atlantik in Südafrika, in der Donau von Budapest, oder seit Jahren regelmäßig im Berliner Schlachtensee – ich habe nichts ausgelassen.

Relativ neu hingegen ist auch für mich das Winterschwimmen. Begonnen hat das Ganze im Januar in einem herrlich kalten (4 Grad) glasklaren, riesigen schwedischen See. Es war bewölkt und windig und musste scheinbar sein. Respektvoll habe ich mich auf dem Holzsteg ausgezogen, um dann langsam und bestimmt die Sprossen der Leiter hinabzusteigen. Mein Körper taucht bis zum Hals hinein und spürt: nichts. Sofortiger Schockzustand – Stille. Kurze Zei,t nachdem ich wieder festen Boden unter den Füßen habe,  beginnen einige Gelenke zu schmerzen, mein Daumengrundgelenk sticht wie verrückt und ein heißes Prickeln und Britzeln breitet sich über den ganzen Körper aus. Schnell ins Auto, Sitzheizung an, die vorgeheizte Sauna wartet schon im Garten. Ich bin glücklich und freue mich über das Wagnis. Geschafft! Die Gedanken -einfach angehalten, die Gelenkschmerzen lassen langsam nach.

Zurück in Berlin, behalte ich die neue Spinnerei bei und mache sie zum Ritual. Ich bin dankbar, dass wir noch raus dürfen. Denn gerade jetzt, in den Tagen der Quarantäne, gehören die Momente frühmorgens am See zu den schönsten des Tages. Ich beobachte Wasserreiher, höre Spechte und genieße das Glitzern der Sonne auf der Wasseroberfläche.  Nun wird das Wasser immer wärmer und bei aktuell circa 10 Uhr Grad sind aus den anfänglichen Sekunden schon ein paar Minuten der kalten Freude geworden.

Ich fühle mich nach dem Schwimmen unglaublich klar, frisch, belebt, durchblutet. Es verleiht mir das Gefühl der inneren Stärke, und es ist eine neue Freiheit, das ganze Jahr über eintauchen zu können. Auch friere ich nicht mehr so schnell. Mein inneres Thermostat freut sich über die Temperaturschwankungen, die es zu bewältigen gilt, ebenso meine Schilddrüse. Wir sind es ja gewohnt, unseren Körper auch bezüglich der Temperatur in unserer Komfortzone zu halten. im Winter wird schnell die Heizung aufgedreht, Kälte wird generell als unangenehm und krankmachend empfunden. Dabei wird sie schon lange zur Therapie bei entzündlichen Gelenkerkrankungen und Schmerzen erfolgreich angewendet.

Unser Körper verfügt über zwei Arten von Fettgewebe. Das braune Fettgewebe ist besonders wichtig für die Energiegewinnung und den Wärmehaushalt und baut sich nach dem Säuglingsalter deutlich ab. Übrig bleibt das weiße Fettgewebe, das mehr als Speicherfett  für Notzeiten fungiert. Durch regelmäßige Kälteexposition wird die Produktion des braunen Fettgewebes angeregt, was positive Effekte auf den Stoffwechsel und eine Gewichtsreduktion haben kann.

 Was passiert noch auf körperlicher Ebene?

  • Die Dopaminkonzentration steigt deutlich an, d. h. unser Belohnungssystem wird mit Hormonen geflutet.
  • Auch erhöht sich die Zahl unserer Lymphozyten, der weißen Blutkörperchen, die für das Immunsystem so wichtig sind.
  • Es wurden bei regelmäßiger Kälteexposition auch positive Effekte in Bezug auf die Stimmung und depressive Episoden beschrieben. Das glaube ich sofort, nach dem Schwimmen folgt das Dauergrinsen.
  • Darüber hinaus ist es immer positiv, in der Natur zu sein und eigene Grenzen auszutesten.

Bitte unbedingt ausprobieren und danach so richtig stolz auf sich sein!

Vorsicht ist allerdings geboten u.a. bei Vorerkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, nicht eingestellter Schilddrüsenunterfunktion (u.a. ist dann die Kapazität der Wärmeproduktion herabgesetzt) und Diabetes mellitus mit Unterzuckerung. Bitte fangen sie langsam an und nehmen Sie eine Begleitung mit.

Inzwischen wird das Wasser langsam wärmer, und es ist somit ein optimaler Zeitpunkt, sich behutsam an die Kälte heranzutasten. Sie können ab jetzt dann das ganze Jahr durch schwimmen und die Zeit täglich steigern, im Herbst werden Sie dann ein Thermogenese-Profi sein.

Es gibt so viele Möglichkeiten, sich mit der herrlichen Kälte anzufreunden.

Wer nicht in einen See springen möchte, kann auch morgendliches Kälteduschen in den Tag integrieren. Oder frei nach Kneipp:  Erst die Beine, dann die Arme, Wechselduschen. Steigern Sie sich auf 3 Minuten täglich. Tipp: Ich stelle mir einfach meine elektrische Zahnbürste in die Dusche, wenn diese sic ausschaltet, bin ich fertig und herrlich erfrischt!

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.