Eine in 2019 von der American Psychological Association veröffentlichte Metanalyse (52 Studien über einen Zeitraum von 20 Jahren mit 47 000 Patienten) befasst sich mit Selbstbewusstsein. Wow! Die Studie untersuchte, ob das eigene Selbstbewusstsein durch Freundschaften gestärkt wird oder ob umgekehrt das eigene Selbstbewusstsein die Freundschaft beeinflusst.

Das Ergebnis: Sowohl in allen Gesellschaftsschichten als auch Kulturen wirkt das Freundesumfeld in beide Richtungen. Gute Freunde sind genauso wichtig für das Selbstbewusstsein wie umgekehrt ein gutes Selbstbewusstsein erst intensive Freundschaften ermöglicht.

Ist doch klar, denkt man jetzt. Gerade in social media-Zeiten sind Freunde ein Maß für die eigene Beliebtheit. Brust raus, ich habe 5000 Follower. Aber das Bild trügt natürlich. Nicht die Anzahl der „Freunde“, sondern die Bindung, die gemeinsamen Erlebnisse, die vielen Jahre, die man sich schon kennt und in denen man gemeinsam durch dick und dünn gegangen ist, stärken das eigene Selbstbewusstsein. Ich kann schlechte Tage haben, durch schwierige Phasen in meinem Leben gegangen sein – wenn meine Freunde mich trotzdem lieben, dann knacken diese Erlebnisse weniger an meinem Selbstwertgefühl als wenn ich erfahren muss, dass mich meine Freunde hängen lassen. Und umgekehrt: Bin ich mit mir und meinem Leben im Reinen, dann kann ich eine starke Schulter zum Anlehnen sein. Denn dann beziehe ich die Probleme der anderen nicht auf mich selbst oder habe Angst, dass mich die schwierige Phase, in der sich die Freundin befindet, selbst runterzieht. Ich weiß, wo die Dinge ihren Platz haben und kann mich zur richtigen Zeit abgrenzen ohne zu befürchten, dass die Freundschaft darunter leidet und in der Folge mein Selbstwertgefühl. Abgrenzen bedeutet hier Selbstschutz und nicht, die Freundin auszugrenzen (auch nochmal wichtig!).

Für ein gesundes Selbstwertgefühl:

  • Setzen Sie sich mit Ihrem inneren Kritiker auseinander. Was kratzt dauerhaft an Ihrem Selbstwert? Gehen Sie dem auf den Grund, dann kennen Sie Ihren Gegner.
  • Jedes Mal, wenn die innere Stimme Sie abwertet (Du bist nicht gut genug, schlau genug, schön genug, erfolgreich genug usw.), sagen Sie innerlich STOPP.
  • Schreiben Sie in einem kleinen Büchlein (oder einem großen) alle Ihre Fähigkeiten auf. Worin sind sie gut, was macht Sie so besonders, was unterscheidet Sie von den anderen, was lieben Sie an sich selbst. Schreiben Sie auch Dinge auf, die Sie für „normal“ und darum nicht erwähnenswert halten wie z. B. ich bin verlässlich, ich bin genau, ich bin ein guter Zuhörer, ich bin eine gute Freundin etc. Wenn Ihnen nichts einfällt, fragen Sie Ihre Familie, Freunde oder Arbeitskollegen („Sag mal, worin siehst Du eigentlich meine Stärken, was magst Du an mir, worin bin ich gut?“)
  • Führen Sie ein Erfolgstagebuch. Schreiben Sie jeden Tag drei Dinge auf, auf die Sie an dem Tag stolz waren. Ich bin stolz, dass ich den Auftrag an Land geholt habe; ich bin stolz, dass ich das Team voran gebracht habe; ich bin stolz, dass ich die Einkaufstasche dabei hatte und nicht wieder eine Tüte kaufen musste usw. Es können entscheidende Dinge sein oder kleinere – alles zählt.

Was macht Freundschaften aus:

  • Sich Zeit füreinander nehmen (real time statt face time)
  • Echtes, unabgelenktes Zuhören (auch wenn man miteinander telefoniert, nicht nebenbei etwas anderes machen wie am PC arbeiten oder die Wäsche zusammenlegen)
  • Wenn sich die äußeren Lebensumstände verändern, sich trotzdem an die guten gemeinsamen Zeiten erinnern, d. h. den anderen nicht fallenlassen, nur weil er jetzt nicht mehr in den neuen Freundeskreis/Umfeld/Lebensphase hineinpasst.
  • Öfter über seinen eigenen Schatten springen, auf den Freund/In besteht kein Exklusivrecht (das ist vor allem in Frauenfreundschaften schwerer zu realisieren, als es sich anhört).
  • Einfach so mal etwas Nettes machen wie den anderen überraschen, einladen, ihm unter die Arme greifen, für ihn da sein.
  • Fünfe gerade sein lassen, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, ehrlich kommunizieren, nachfragen („Wie hast du das gestern gemeint?“) statt nachtragend zu sein.
  • Mehr über sich selbst verraten statt hinter der Rolle zu verschwinden, die man vielleicht schon jahrzehntelang eingenommen hat oder die einem irgendwie zugefallen ist. Dann wird die Freundschaft erst richtig interessant und vor allem substanziell. Sie bekommt eine ganz andere Qualität und Verlässlichkeit.

Quelle: Michelle A. Harris and Ulrich Orth. The Link Between Self-Esteem and Social Relationships: A Meta-Analysis of Longitudinal Studies. Journal of Personality and Social Psychology, 2019 http://dx.doi.org/10.1037/pspp0000265

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.